Eine internationale Vergleichsstudie ergibt: Deutschland fällt auf den 17. Platz zurück. Spitzenreiter ist abermals das politisch eher autoritär regierte Hongkong.
ppl. FRANKFURT, 16. September 2008. Die Deutschen haben auch im Aufschwung nicht mehr wirtschaftliche Freiheit gewonnen - im Gegenteil, in der Rangliste der wirtschaftlich freien Länder ist Deutschland vom Jahr 2005 auf das Jahr 2006 um zwei Ränge auf den 17. Platz zurückgefallen. Das ist ein Ergebnis der von 52 Forschungsinstituten erarbeiteten internationalen Vergleichsstudie "Economic Freedom of the World" (EFW) zu 141 Ländern der Welt, die am Dienstag in Hongkong vorgestellt wurde.
Der Stadtstaat Hongkong ist wie in den Vorjahren wieder Spitzenreiter in Sachen wirtschaftliche Freiheit geworden (mit 8,9 von möglichen 10 Punkten). Auf den Plätzen 2 bis 10 liegen: Singapur, Neuseeland, die Schweiz, Großbritannien, Chile, Kanada, Australien, die Vereinigten Staaten und Irland. Die großen Volkswirtschaften des Euro-Raums stehen auf hinteren Rängen, Spanien auf Platz 32, Frankreich auf Platz 45 und Italien auf Platz 49. Mehr wirtschaftliche Freiheit als in Deutschland herrscht in Dänemark, in Finnland und in Österreich, das sich um vier Ränge auf den 15. Platz verbesserte, sowie in den Niederlanden. Auf den letzten Plätzen der Liste liegen afrikanische Staaten wie Zimbabwe, Angola und Niger, aber auch das von der Militärjunta beherrschte Burma und das sozialistische Venezuela des Hugo Chávez.
Deutschland ist zurückgefallen, allerdings verbesserte sich die Bewertung Deutschlands durch den weniger als bisher regulierten Arbeitsmarkt. "Hier sind die Forderungen nach mehr Liberalisierung offenkundig erhört worden", sagte Wolfgang Gerhardt, der Vorsitzende der an der Studie beteiligten liberalen Friedrich-Naumann-Stiftung. "Hoffen wir, dass diese Erfolge nicht gleich wieder leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden." Alles in allem seien die Ergebnisse der Studie jedoch alarmierend, sagte der FDP-Politiker Gerhardt: "Deutschland hat schon deutlich bessere Zeiten gesehen. Die neuen Zahlen sollten der großen Koalition zu denken geben."
Für die Studie Economic Freedom of the World, die seit 1975 federführend vom kanadischen Fraser Institute durchgeführt wird, bewerten die Forscher die Länder nach fünf Kategorien: Wie groß ist der Staatsanteil (Ausgaben, Steuern und Staatsunternehmen)? Wie gut ist das Rechtssystem (Unabhängigkeit der Gerichte, sicherer Schutz von Eigentumsrechten, Durchsetzung von Verträgen)? Wie stabil ist das Geld (Geldwachstum und Inflationsraten)? Wie frei ist der Handel (Zolltarife, Handelsbarrieren, Größe des Außenhandels, Wechselkursregime)? Und wie stark ist die Regulierung (Finanzmarkt, Arbeitsmarkt und Wirtschaft insgesamt)?
Gute Noten erhält Deutschland in drei Kategorien: Rechtsstaatlichkeit, Geldwertstabilität und Außenhandelsfreiheit. Schlecht bewertet werden der übergroße Staatsanteil (hier liegt Deutschland auf Platz 90) sowie die Überregulierung (hier kommt Deutschland auf Platz 77). Während die allgemeine Wirtschaftsregulierung nicht so strikt ist, landet die deutsche Arbeitsmarktregulierung auf einem sehr schlechten Rang (Platz 124). Europäische Nachbarn wie Österreich schneiden deutlich besser ab (bei der Arbeitsmarktregulierung auf Platz 28). Auch Frankreich hat einen weniger stark regulierten Arbeitsmarkt (Platz 81). Die flexibelsten Arbeitsmärkte haben nach der Studie in Europa die Dänen (Platz 11) und die Schweizer (Platz 15). Diese Länder haben auch geringere Arbeitslosenquoten von 2,3 und 2,4 Prozent gegenüber 7,3 Prozent hierzulande.
Nach der statistischen Auswertung der Forscher besteht ein starker Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Freiheit und Wachstum sowie Wohlstand. Die Länder im obersten Viertel der EFW-Studie hatten 2005/2006 ein durchschnittliches Wachstum von 2,3 Prozent, die Länder des untersten Viertels nur 0,5 Prozent Wachstum. Mehr wirtschaftliche Freiheit mildert auch die Armut: So hatte in den freieren Ländern das ärmste Zehntel der Bevölkerung ein durchschnittliches Einkommen von 8730 Dollar, in den wirtschaftlich unfreieren Ländern betrug das Durchschnittseinkommen des ärmsten Zehntels der Bevölkerung nur 961 Dollar. Zugleich besteht ein Zusammenhang von wirtschaftlicher und politischer Freiheit, erklären die Autoren der Studie, wenngleich es hier Ausnahmen gibt, etwa das politisch eher autoritär regierte Hongkong oder auch Singapur, das die Wirtschaft jedoch sehr frei schalten lässt.
Quelle:
 Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ressort Wirtschaft, 17.09.2008, Nr. 218, S. 12 |