Kölner Stadtanzeiger, von Marianne Quoirin, 04.06.2008 | Die FDP will ihren einstigen Bundes-Vize trotz Parteispenden-Affäre und seines zuletzt als anti-israelisch kritisierten Politik-Schwenks nicht länger aus ihrer Parteigeschichte verdrängen. Über "den Vollblutpolitiker" darf in der FDP heute auch wieder Gutes gesagt werden.
Wenn sein Name fällt, hüllen seine ehemaligen Parteifreunde sich nicht länger in Schweigen, sie drehen sich auch nicht mehr automatisch weg. Die Erinnerungen an Jürgen W. Möllemann erscheinen allmählich in einem milderen Licht, und seine Spuren werden weich gezeichnet. Fünf Jahre ist es her, dass der Politiker mit einem Fallschirm in den Tod sprang, fünf Jahre, nach denen sich die FDP allmählich aus der Schockstarre zu lösen und sich der Eigenschaften des Mannes zu erinnern beginnt, von dem die Partei jahrzehntelang profitierte.
Möllemann war als Meister des Spektakels und der Selbstinszenierung stets in den Medien präsent und mit ihm die FDP - von seinem Einzug in den Bundestag 1972 bis zum seinem tragischen Ende am 5. Juni 2003. Die meisten Liberalen akzeptieren, dass er sich das Leben nahm, wenige reden von einem Unfall. Nur die üblichen Verschwörungstheoretiker sprechen von Mord und nennen Möllemanns Namen im gleichen Atemzug mit Uwe Barschel und Lady Di. Hintergründe und Motive des Selbstmords sind nicht geklärt, er starb auf dem Höhepunkt einer Affäre um Parteispenden, Macht, Intrigen und Geld. Eine Stunde vor seinem Tod hatte der Bundestag seine Immunität aufgehoben, die Fahnder und Journalisten standen vor seinem Haus in Münster. Doch gegen Tote wird nicht ermittelt, vieles bleibt deshalb im Dunkeln.
Er scheute keinen Konflikt
Möllemann war 1969 von der CDU zu den Liberalen gewechselt, weil dort nach seinen eigenen Angaben die Risiken und Chancen für eine politische Karriere Erfolg versprechender verteilt waren. Die Rechnung ging auf, drei Jahre später saß der 27-jährige Volksschullehrer im Bundestag und agierte als rastloser Öffentlichkeitsarbeiter für sich selbst. Während Franz Josef Strauß ihn einmal als den "Riesenstaatsmann Mümmelmann" karikiert hat, erinnern sich FDP-Politiker heute wieder an den erfolgreichen Vollblutpolitiker: Kämpferisch, ständig in Aktion, keinen Konflikt scheuend - schon gar nicht mit den eigenen Parteifreunden, unter denen er sich noch mehr Feinde machte als beim politischen Gegner. In seinem Buch "Klartext", drei Monate vor seinem Tod erschienen, rechnet Möllemann offiziell mit seinen Kritikern ab, in Wahrheit aber auch mit sich selbst. Denn er gehörte zu den schillernden Figuren auf dem Bonner Parkett, die er anprangert: "Diese Sorte Politiker ist der Ruin des Landes. Sie haben keine politischen Ziele, sondern inszenieren nur sich selbst. Bei ihnen ist der Weg tatsächlich das Ziel", heißt es an einer Stelle.
Anfang der 90er Jahre schien Möllemann nach Hans-Dietrich Genschers eiligem Abgang aus dem Kabinett seinem Ziel am nächsten: der Wirtschaftsminister wurde Vize-Kanzler, die Parteiführung winkte. Doch im Januar 1993 stürzte er über Kleinigkeiten, weil er zuvor zu viele Parteifreunde vor den Kopf gestoßen hatte. Es war Otto Graf Lambsdorff, der sein Schicksal 1993 entschied: Es schwebe "ein Fragezeichen" über der Zukunft des Wirtschaftsministers, erklärte der Parteichef, den Möllemann am liebsten beerbt hätte: Aus der Traum vom Amt, auf das er jahrelang scharf gewesen war.
Danach blieb Möllemann nur noch die Provinz, in der er einige - auch unerwartete - Erfolge verbuchen konnte. 2000 erreichte er für die FDP in NRW fast zehn Prozent. Es war dieser letzter Sieg, der ihn in einen Rausch versetzte: Nur wenige Wochen später serviert er der Bundespartei sein Rezept für das "Projekt 18". Zum Entsetzen vieler Funktionäre beginnt der Wettlauf um Knalleffekte jetzt erst richtig: Guido Westerwelle grast im Guido-Mobil die Campingplätze ab, Möllemann macht sich antisemitische Ressentiments zunutze. Die Rechnung mit den von ihm verdeckt finanzierten Flugblättern gegen die Politik Israels geht aber nicht auf - und belastet bis zum heutigen Tag die Kasse der FDP in Nordrhein-Westfalen. Rund 1,8 Millionen Euro haben die Liberalen vorsorglich an Rückstellungen für etwaige Strafzahlungen an die Bundestagsverwaltung in ihre Bilanz eingestellt, 874 000 Euro bereits unter Vorbehalt bezahlt. Der Bescheid wird in Kürze erwartet. (mit dpa)
Quelle: Kölner Stadtanzeiger http://www.rhein-sieg-anzeiger.ksta.de/html/artikel/1212530478556.shtml
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