„Möglichst schnell- und am besten gar nicht dabei sein.“ So wollen die Deutschen am liebsten sterben. Die Wirklichkeit jedoch sieht zu oft ganz anders aus: Noch immer sterben vier von fünf an Tumoren oder Krebs, an Herz- und Kreislauferkrankungen, an Malaisen des Atmungs- und Verdauungsapparates. Oft also nach einer langen Zeit unsäglichen Leidens. Die die Deutschen nicht erleben wollen. Daher befürworten aktuell 79 Prozent Sterbehilfe, 34 Prozent sprechen sich sogar für alle Formen der Sterbehilfe aus, also auch für die aktive Tötung eines Schwerstkranken seinem Willen entsprechend. 45 Prozent befürworten nur passive Hilfe, stimmen also nur dem Verzicht von lebensverlängernden Maßnahmen zu. Nur noch 18 Prozent wollen Hilfe zum Sterben als letzten Willen weiterhin verboten sehen.
Das Problem ist, dass der Sterbende lebt. Und moderne Medizin den Weg zum Tod zur Tortur machen kann. Wenn Maschinen den Todeskampf verlängern und Hilfe unter Strafe steht, verkehrt sich oft der Nutzen des Moderne um in Qualen des Alltags. Konsequenterweise wünschen sich 74 Prozent – endlich – eine gesetzliche Regelung zur Sterbehilfe.
Selbstbestimmtes Sterben wird für die Deutschen aus deshalb verstärkt zum Thema, weil sie in Zeiten knappen Kassen der Qualität unseres Gesundheitssystems längst nicht mehr trauen: 80 Prozent rechnen in Zukunft mit einer mangelhaften medizinischen Versorgung auch in Deutschland. 81 Prozent erwarten einen deutlich höheren Krankenstand. Und 61 Prozent rechnen damit, dass viele Patienten vor ihrer Zeit sterben müssen, weil mutmaßlich in Zukunft vor allem an den Schwerkranken und Alten gespart werden wird.
Der Ausweg aus diesem Dilemma könnte Patientenverfügung heißen. In der der Patient im Voraus festlegen kann, ob und wie er behandelt werden möchte. Darüber will die Regierung bis zum Frühjahr 2005 ein Gesetz vorlegen. Doch schon jetzt haben die Deutschen relativ klare Vorstellungen davon, wie diese Patientenverfügung aussehen sollte: Nach einer TNS – Emnid Studie für die DGHS muss sie für 84 Prozent den Namen des späteren Bevollmächtigten enthalten. 88 Prozent wollen eine absolut bindende Wirkung. 85 Prozent erwarten konkrete Angaben darüber, wann die Behandlung abgebrochen werden soll. Und für 63 Prozent sollte sie zeitlich un-begrenzt gelten, wobei für 62 Prozent die Gültigkeit durch die Unterschrift eines Zeugen belegt werden soll.
Allerdings erwarten 72 Prozent, dass mit Sterbehilfe in Deutschland restriktiv verfahren wird. Für vier von fünf nämlich ist eine absolut klare Diagnose des Arztes die wichtigste Voraussetzung. Nur jedem Fünften reicht allein der Wunsch des Kranken. Die finale ärztliche Diagnose ist also die entscheidende Bedingung für die Akzeptanz der Sterbehilfe in der Bevölkerung.
Widerstand leisten vor allem Kirchen und Ärzte, die mehrheitlich gegen den Tod auf Verlangen sind. Pfarren und Pastoren, weil für sie nur Gott das Leben schenkt und nur Gott es wieder nehmen darf. Und Ärzte, weil sie menschenwürdiges Sterben nicht als Sieg, sondern als Niederlage empfinden. Und weil gerade auf ihrem Rücken die Verantwortung lastet, wenn es dann ernst wird.
Die Gefahr ist, dass Routine Schleusen öffnet. Und sich ganz all-mählich die Beweislast des Lebens umgekehrt wird: Doch dass die Kranken der Kasse zur Last fallen und das Schlagwort vom „Just-in-time - Sterben die Runde machen könnte, sehen die Deutschen längst noch nicht: 61 Prozent glauben, dass rigide Sterbebedingungen in Deutschland langfristig Bestand haben werden. Nur 31 Prozent erwarten das Aufweichen der Kriterien. Rentner allerdings sind pessimistischer: Unter ihnen befürchten gleich 38% den Abbau der Hemmschwellen.
Klaus-Peter Schöppner |