Die Reformdiskussion hat nun auch die Arbeitszeit erfaßt. Was da allerdings öffentlich vorgeschlagen wird, verstehen viele Deutsche bislang vor allem als Widerspruch: „Runter mit der Arbeitszeit um die vorhandene Arbeit auf mehr Leute zu verteilen, fordern die Gewerkschaften. „Wir müssen bei gleichem Lohn länger arbeiten, dadurch verringern sich die Lohnkosten und genau das schafft neue Arbeitsplätze,“sagen dagegen die meisten Wissenschaftler. Arbeitslose sollen neue Jobs finden, wenn die Arbeitsplatzbesitzer länger arbeiten? Das können zwar die Experten erklären, nicht aber die Deutschen verstehen: Denn für 62 Prozent entstehen neue Arbeitsplätze eher durch kürzere Arbeitszeiten, nur für 29 Prozent durch Mehrarbeit und der damit verbundenen besseren Produktivität, wie TNS Emnid für n-tv feststellte.
Wenn also Union, FDP, die Wirtschaftsverbände und inzwischen sogar die SPD längere Arbeitszeiten fordern, dann treffen sie damit auf ziemliche Verständnislosigkeit bei den Deutschen. Obwohl ein ganz einfaches Argument die meisten überzeugen könnte: Allein schon die Tatsache, dass im nächsten Jahr sechs Feiertage aufs Wochenende fallen, sorgt für ein kleines Konjunkturprogramm. Nach Meinung der Wirtschaftsweisen ergibt das allein schon 0,6 Prozent mehr Wachstums. Folgerichtig könnte eine Stunde Mehrarbeit pro Woche auch für 60 000 neue Arbeitsplätze sorgen.
Zumal die Deutschen da zumindest mitmachen würden: Immerhin wären 62 Prozent damit einverstanden, bei gleichem Lohn mehr zu arbeiten. Nur 35% der Befragten würden das ablehnen. Die Deutschen würden sich einer längeren Arbeitszeit ohne Lohnausgleich zwar nicht versperren. Doch vom Erfolg überzeugt sind sie längst noch nicht. Auch weil sie genau wissen, dass die Unternehmen, selbst wenn sie ein ein zartes Aufschwüngchen spüren sollten, gar nicht daran denken, ihr Personal deswegen aufzustocken. In Deutschland muß die Beschäftigungsschwelle, das Wachstum also, ab dem eingestellt wird, nämlich ca. zwei Prozent betragen. Deutlich mehr also als in den meisten anderen Staaten.
Einleuchtender ist den Deutschen eine andere, vielfach geübten Praxis. Viele Unternehmen tun nämlich genau das Gegenteil, um zu überleben, indem sie wie z. Bsp. Opel weniger Lohn für weniger Arbeit zahlen. Um dann, wenn die Konjunktur anzieht, sofort wieder auf längere Arbeitszeiten umschalten zu können. Auch das ist durchsetzbar, weil 58 Prozent auch damit im Grund einverstanden sind. Nur 37% wären nicht damit einverstanden.
Die Deutschen sehen also ein, dass die Kosten herunter müssen. Und präferieren das Opel – Modell, selbst wenn es nur der zweitbeste Weg ist. Weil dadurch zwar die Unternehmen entlastet werden, die Beschäftigten aber weniger Geld bekommen und damit weniger Bares in den Geldkreislauf pumpen können.
Und dennoch sind die Meinungen der Deutschen zum Thema Verän-derung der Arbeitszeit nicht rund: Weniger Geld oder tägliche Mehrarbeit werden zwar akzeptiert. Die Mehrheit jedoch spricht sich gegen die Kürzung von Urlaubstagen aus. Und gleich 66 Prozent lehnen das Streichen eines Feiertages ab.
Im Grunde haben die Deutschen bislang kein durchgängiges Konzept, zu welchen Konzessionen sie bei der Veränderungen von Ar-beitszeiten wirklich bereit sind. Ein anderes Beispiel: Eine Mehrheit ist für die Kürzung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Aber nur jeder fünfte wäre dagegen mit der Abschaffung der Zuschläge auf Samstagsarbeit einverstanden. Obwohl das erste die meisten, das zweite nur wenige trifft.
Und ausgerechnet jetzt wollen die Gewerkschaften mal wieder den „ordentlichen Schluck aus der Pulle“ und mindestens vier Prozent Lohnzuwachs bei den kommenden Gehaltsverhandlungen erstreiten. Nur 37 Prozent unterstützen die Position der Gewerkschaften. 57 Prozent halten dagegen diese Forderung für nicht berechtigt.
Sollten sich die Gewerkschaften durchsetzen, dann müßten die Deutschen eine Woche länger arbeiten, sollten die Unternehmen eine derartige Lohnsteigerung ohne Mehrkosten verkraften.
Klaus-Peter Schöppner |