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Einen klassischen Fall der Überregulierung bietet der Straßenverkehr in Deutschland. Anschauungsunterricht, dass oft "weniger staatliche Vorgabe mehr ist", bietet das ab 2007 umzusetzende EU-geförderte Verkehrsprojekt Shared Space in der niedersächsischen Gemeinde Bohmte im Landkreis Osnabrück.
648 Verkehrzeichen haben in Deutschland Gültigkeit, bundesweit zwischen Glücksburg und Oberammergau und von Aachen bis Wustermark stehen 20 Millionen davon herum, so kann sich jeder Bundesbürger seine 4 Exemplare aus dem Schilderwald aussuchen und er wird meist schon beim ersten Schritt in den öffentlichen Verkehrsraum fündig. Manchmal muss man genau hinschauen, den Verkehrspsychologen haben dieser Über-Schilderung als unsinnig enttarnt, denn 70 Prozent der Ver- und Gebotsschilder werden nicht wahrgenommen. Die Verbotsflut entmündigt den Bürger, ein eigenverantwortliches Sozialverhalten des Miteinanders im Straßenverkehr (und darüber hinaus) wird ihm im Verlauf seines Autofahrer-Lebens als Ergebnis der Überregulierung subtil aberzogen.
Der Traum von Straßen ohne Zwangsvorschriften nimmt im niedersächsischen Bohmte Gestalt an. In dem idyllischen 13.500-Einwohner-Ort wird ab Anfang 2007 umgestaltet und dereguliert, der örtliche Straßenverkehr mitsamt dazugehörigen Verkehrsteilnehmern liberalisiert.
EU-Zuschüsse und das EU-geförderte Projekt Shared Space aus den Niederlanden helfen dabei:
Shared Space - So heisst ein neuer Ansatz zur Raumplanung und -einrichtung, der in ganz Europa immer mehr Beachtung findet. Shared Space beinhaltet neue Ausgangspunkte für den Gebrauch, den Entwurf und die Unterhaltung unserer Strassen und öffentlichen Räume und hebt die herkömmliche Trennung der verschiedenen räumlichen Funktionen auf. Das entscheidende Merkmal ist, dass Verkehrsschilder, Fussgängerinseln, Ampeln und andere Barrieren nicht mehr nötig sind. In Shared Space fügen sich Autofahrer rücksichtsvoll ins menschliche Miteinander von Fussgängern, Radfahrern und spielenden Kindern ein und werden Teil des gesamten gesellschaftlichen und kulturellen Kontextes. Shared Space ist jedoch mehr als ein paar einfache Entwurfsprinzipien. Es bedeutet nämlich auch neue Planungs- , Entwurf- und Entscheidungsprozesse, als deren Resultat neue Strukturen für die Teilnahme aller beteiligten Parteien, also auch der Bürger entstehen. Shared Space bietet die Möglichkeit, unsere Strassen sicherer zu machen, gesellschaftliche Trennungen aufzuheben, die Attraktivität unserer Städte und Dörfer zu erhöhen und damit nicht zuletzt unserer Wirtschaft einen Impuls zu geben. Shared Space wurde von Hans Monderman entwickelt und in konkreten Projekten weiter ausgearbeitet. Mit seinem Expertenteam leitet er auch das europäische Projekt Shared Space, das zur Zeit von 7 Partnern durchgeführt wird: die Gemeinden Haren und Emmen, sowie die Provinz Fryslân in den Niederlanden, die Städte Oostende in Belgien, Bohmte in Deutschland, Ejby in Dänemark und Ipswich in England. Das Projekt wird vom europäischen Interreg IIIB North Sea Programme gefördert. Das Hauptanliegen von SHARED SPACE besteht darin, eine Lösung für eine der vordringlichsten Herausforderungen in unserer heutigen Raumplanung zu finden: den Erhalt und die Verbesserung der räumlichen und sozialen Qualitäten unserer bebauten und unbebauten Umgebung. Das Projekt richtet sich dabei nicht auf die Verdrängung des motorisierten Verkehrs, der mit all seinen Vor- und Nachteilen immer ein maßgeblicher Faktor in der Nutzung des öffentlichen Raumes bleiben wird. Anstatt jedoch wie bisher die Einrichtung unserer Städte, Dörfer und Landschaften aus der Perspektive der Verkehrsplanung zu steuern, möchten das Projekt nach Möglichkeiten suchen, den Menschen und die räumlichen Qualitäten als steuernde Parameter einzusetzen. In internationaler Zusammenarbeit der im Projekt vereinigten Partner möchte das Projekt das Fachwissen von Raum- und Verkehrsplanern, Soziologen und Ethikern, Geographen, Architekten und Landschaftsarchitekten integrieren, um in Zusammenarbeit mit den Straßenbenutzern neue Ansätze zur Verkehrsplanung zu entwickeln und diese in lokalen Projekten auf ihre Tauglichkeit im städtischen und ländlichen Raum zu prüfen.
Könnte nicht überall in Deutschland Bohmte sein? Das Liberale Netzwerk wird die Entwicklungen in Bohmte mit großem Interesse verfolgen. 
DER SPIEGEL berichtete über die ersten Städte in Europa, die ihre Schilder und Ampeln abschaffen:
Verkehr "Unsicher ist sicher"
DER SPIEGEL vom 13.11.2006 "Sind Straßen ohne Ver- und Gebotszeichen denkbar? Sieben Städte und Provinzen in Europa bauen ihre Ampeln und Schilder ab.
"Wir verwerfen jede Gesetzgebung", dröhnte einst der russische Adlige und "Vater der Anarchie", Michail Kakunin. Der Zar verbannte ihn nach Sibirien. Nun kommt der Mann doch noch zu Ehren: Europas Verkehrsplaner träumen von Straßen ohne Zwangsvorschriften. Frei und menschlich, als Brüder sollen sich Autofahrer und Fußgänger begegnen: durch freundliche, Handzeichen, Kopfnicken und Blickkontakte und nicht gegängelt durch Verbote. Limits und Warntafeln. Sieben Städte und Provinzen stutzen derzeit im Rahmen eines EU-Projekts ihren Schilderwald zurück,. Ejby in Dänemark ist dabei, das englische Ipswich und die belgische Stadt Ostende. In Makkinga (Westfriesland) in die Utopie bereits Wirklichkeit. "Verkeersbordvrij" steht in großen Lettern am Eingang des Tausend-Einwohner-Dorfs. Gemächlich zockeln Autos über feines Granitpflaster. Nirgendwo sind Stoppschilder oder Abbiege-Befehle zu sehen. Es gibt weder Parkuhren noch Halteverbote. Nicht mal Linien sind auf die Fahrbahn gemalt. "All die Gebote nehmen uns das Wichtigste: die Rücksichtnahme. Wir verlernen unser Sozialverhalten", lehrt der Groninger Verkehrsweise Hans Modermann, ein Mitbegründer des Projekts. "Je mehr Verordnungen, desto mehr schrumpft das Verantwortungsbewusstsein." Da könnte was dran sein: 648 Verkehrszeichen sind in Deutschland gültig. Ein buntes Blech-Dickicht wuchert in den Innenstädten. Hier soll man nicht parken, dort den Wildwechsel beachten oder nicht ins Schleudern kommen. Und der Wald der Schilder wird immer dichter. Bundesweit stehen schon über 20 Millionen davon herum. Psychologen haben diese Überfütterung längst als unsinnig enttarnt. Rund 70 Prozent der Hinweise werden überhaupt nicht wahrgenommen. Zudem entmündigt die Verbotsflut den Fahrzeuglenker und fördert dessen sittliche Verrohung. Er hält zwar vorm Zebrastreifen, fühlt sich dafür aber berechtigt, dem Fußgänger überall sonst das Überqueren der Straße zu verweigern. Jede Ampel lockt ihn mit Verheißung: Das schaffst Du noch bei Gelb. Resultat: Umstellt von einem Zwangskorsett aus Vorschriften, sucht der Automobilist mit Tunnelblick seinen Vorteil, die Manieren bleiben auf der Strecke. Für die Verfechter des neuen Konzepts hilft nur mehre Freiheit und Eigenverantwortung aus diesem Teufelskreis heraus. Sie fordern Straßen wie im Mittelalter, als Gespanne, Lastkarren und Menschen noch ungeordnet durcheinanderwuselten. In ihren Szenarios rücken Fahrer und Passanten zu einem buntvermischten, friedfertigen Verkehrsstrom zusammen. Was nach Chaos klingt, folgt in Wahrheit einer Erkenntnis der Verkehrspsychologie: Nur wo alles geordnete ist, kann der Wagenlenker ohne Skrupel Gas geben. Unübersichtliches Terrain dagegen zwingt ihn zur Vorsicht und Behutsamkeit. "Unsicher ist sicher" - so lautete das Motto, unter dem sich die Anhänger der neuen Asphalt-Philosophie Mitte Oktober zu einer Tagung in Frankfurt am Main einfanden. Zwar sind längst nicht alle von dem Ansatz überzeugt. "Der deutsche Autofahrer ist Regeln gewohnt", meint etwa Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg. Ohne klare Befehle werde sich der heimische Stoßverkehr in einen orientalischen Reifenbasar verwandeln. Die Idee vom Kuschelverkehr sei höchstens etwas für kleine Dörfer. Und doch wagt nun auch eine deutsche Gemeinde den Weg in die Gesetzlosigkeit. 13500 Menschen leben in dem niedersächsischen Ort Bohmte, der von einer Land- und Hauptgeschäftsstraße durchschnitten wird. Autos hasten hier heran, Lieferanten laden Waren aus, Fußgänger trippeln auf hohen Gehsteigen. Anfang 2007 soll die Meile mit EU-Zuschüssen umgestaltet werden. "Die Bordsteine fliegen raus, der Teer kommt weg, alles wird einheitlich gepflastert", erklärt Bürgermeister Klaus Goedejohann, "wir heben die Trennung zwischen Autos und Passanten auf." Beflügelt werden die Planungen durch ein Großexperiment im niederländischen Drachten, einer Stadt mit 45000 Einwohnern. Dort rattern die Autos schon seit drei Jahren über roten Naturstein dahin; Radler heben artig den Arm zum Richtungswechsel; die Autofahrer verständigen sich durch Fingerzeichen, Nicken und Winken. "Über die Hälfte unserer Schilder ist bereits verschrottet", erklärt der Verkehrsplaner Koop Kerkstra, "von 18 Ampelkreuzungen sind zwei übrig, die anderen haben wir zu Kreisverkehren umgebaut." In Drachten gelten nur noch zwei Regeln: rechts vor links. Und: Wer andere behindert, wird abgeschleppt. Gleichwohl gingen die Unfälle stark zurück. Experten aus Argentinien und den USA haben Drachten besucht. Sogar London zeigt Interesse an der automobilen Anarchie. Das Modell wird derzeit auch im Stadtteil Kensington erprobt.
von Matthias Schulz, DER SPIEGEL 46/2006"
Hintergrundinformationen: http://www.bohmte.de/ http://www.shared-space.org/ http://www.interregnorthsea.org/ http://www.spiegel.de/ |