
Berlin, 09.07.2008 | Barack Obama möchte am 24. Juli in Berlin von sich behaupten können, ein Berliner zu sein - und deutsche Soldaten, sind und bleiben, wo auch immer sie am 20. Juli in Berlin ihr Gelöbnis ablegen, Angehörige einer Parlamentsarmee. Das lässt sich beides eigentlich gut verstehen, ist einleuchtend und das kann man getrost sofort unterschreiben.

Eigentlich, ja eigentlich ist schon Sommerpause in Berlin, noch schnell Frankreich EU-Ratspräsidentschafts-Auftakt, G8 in Japan, in Straßburg diese Woche noch Europäisches Parlament, im Deutschen Bundestag haben die Abgeordneten schon am 27. Juni letztmalig vor dem Sommerloch getagt. Die Regierungskoalition ist auch dann gespalten, wenn es so richtig Wichtiges nicht zu entscheiden gibt - wie so oft, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagt ja, Barack Obama, U.S.-Präsidentschafts-Kandidat soll gerne nach Deutschland kommen und am Brandenburger Tor eine Rede halten, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lässt verlauten, kommen ja, aber, das Brandenburger Tor sei "der bekannteste und ein geschichtsträchtiger Ort in Deutschland". In der Vergangenheit sei dieser nur zu ausgesuchten Anlässen zu politischen Kundgebungen genutzt worden und dies bisher nur gewählten Präsidenten vorbehalten gewesen.
Schön und gut, doch wer ist der Platzherr im Sinne des Wortes für eine Obama-Fan-Meile bei der US-Botschaft und beim Museum THE KENNEDYS, alles am Pariser Platz, wie auch der Stiftungssitz des Liberalen Netzwerks. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD). Er will den demokratischen Hoffnungsträger Obama am Brandenburger Gate eine transatlantische Grundsatzrede halten lassen. "Wir werden ihm ein herzliches Willkommen bereiten und alles unterstützend unternehmen, was notwendig ist, damit er von Berlin aus auch Botschaften senden kann". Der liberale Spitzenpolitiker und FDP-Parteichef Guido Westerwelle nennt die Einwände, am Brandenburger Tor dürften nur gewählte Staatsoberhäupter reden, "Bürokratenquatsch".

Fast parallel eine andere merkwürdige Debatte
Die Bundeswehr, die Armee der Demokratie und Einheit, eine Streitmacht aus der Mitte der Gesellschaft mit 247.712 Soldaten (Stand Mai 2008), davon etwa 7.000 im Auslandseinsatz mit dem Mandat des Deutschen Bundestages und kontrolliert von demselben, die uns die letzten 50 Jahre den Frieden gesichert hat, sich transformiert wie befohlen und sich dem Primat der Politik ganz selbstverständlich unterordnet und dabei auf dem Fundament unserer Verfassung ruht wie keine Streitmacht in Deutschland zuvor, darf kein Gelöbnis am Gebäude der Volksvertretung auf dem Platz der Republik vor dem Deutschen Bundestag abhalten. Der Bundestagspräsident, der zweite Mann im Staate, hat ein Gelöbnis der Parlamentsarmee am Parlamentssitz sehr begrüßt, der Bundesverteidigungsminister hat es beantragt und ein Verwaltungs-Oberinspektor des rot-roten Bezirksverwaltung im Grünflächenamt Berlin-Mitte hat wohlfeile Gründe der Ablehnung - in bestem Amtsdeutsch ohne Sinn und Verstand - aber wirksam.

Den Hauch von Geschichte in Berlin, der aus einer viel beachteten Präsidentschafts-Bewerber-Rede oder aus einer Zeremonie-Veranstaltung von Soldatinnen und Soldaten eine denkwürdige Erinnerung für tausende Anwesende und viele Millionen TV-Zuschauer und die Geschichtsbücher macht, wird keiner aufhalten. Weder, im transatlantische Fall durch ein kleinkariertes Bundeskanzlerinamt, noch, im Fall deutscher Peacemaker durch das bornierte Berliner Grünflächenamt des Bezirks Mitte. Auch die über alle Parteien hinweg stattfindende heftige Diskussion, um den richtigen Ort für deutsche Soldaten und für den demokratische U.S.-Senator aus Illinois, namens Barack Obama und höchstwahrscheinlich künftigen Führer der westlichen Welt und der einzig verbliebenen Weltmacht, wird daran nichts ändern.
Seit dem 04. Juli befindet sich an neuer, alter Stelle am Brandenburger Tor auf dem Pariser Platz die wieder eröffnete US-Botschaft in der Hausnummer 2 und ist dort im Ensemble gewiss an sehenswerter, historischer, auch diplomatischer Stätte, eventuell ab Januar 2009 Barack Obamas offizielle amerikanische Wirkungsstätte in Deutschland. Millionen von Besuchern und Touristen kommen alljährlich aus aller Welt und darin hat das ansonsten desolate rot-rote Berlin endlich mal eine wirkliche Steigerungsrate. Gewiss ist das Brandenburger Tor der geschichtsträchtigste und bekannteste Ort Deutschlands, neben Schloss Neuschwanstein für die Japaner, das Münchner Hofbräuhaus und die Oktoberfest Wiesn für Amerikaner, Australier und Neuseeländer und das "Hindelanger Campingparadies" für Holländer usw., aber eben weil in Berlin Geschichte geschrieben wurde und immer mal wieder geschrieben wird. Daher ist es eine historische Stätte, die damals wie heute nicht ohne Menschen und besondere Ereignisse bleibt, alles andere wäre Disneyland in Europa nahe Paris.

Wieso sollte der Hauch von Geschichte nicht in Berlin zu einem Wind of Change werden, warum kann eine neue Seite in einem aufbrechenden, demokratischen Amerika im Lexikon des 21. Jahrhunderts nicht auch seinen Anfang nehmen in grand old germany, in Berlin am Brandenburger Tor.
Das Kanzleramt will wohl auch den republikanischen U.S.-Präsidentschafts-Kandidaten John McCain nicht durch einen allzu wohlwollenden Empfang für Barack Obama verärgern - und fürchtet vermutlich, die noch amtierende Bush-Regierung vor den Kopf zu stoßen. Wie sagte der Merkel-Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) gerne, "everybody´s darling, ist irgendwann jedermanns Armleuchter". Im Kanzleramt hat man/frau offenbar hoffnungsvolle Furcht, dass Germany beim "Grand Prix EUrovision de la Chanson de la UN et NATO" Zero Points bekommt, wenn der Republikaner John McCain dann im November (das Liberale Netzwerk Düsseldorf veranstaltet zur US-Wahl eine prominent besetzte Diskussionsveranstaltung) doch Präsident wird, was keiner glaubt, aber was theoretisch möglich wäre.
Die möglichen lauernden Gefahren und Gründe der Bedenken sind genauso theoretisch wie beim Gelöbnis der demokratischen Soldaten - die Wiese vor dem Reichstagsgebäude könnte Schaden nehmen (wahrscheinlich durch Wasserbomben von nackten Demonstranten). Unsere Staatsbürger in Uniform und das nicht nur im Konzept der Inneren Führung, sondern für Deutschland u. a. am Horn von Afrika, im brandgefährlichen Afghanistan und in den wilden Schluchten des Balkans, sollen ihre militärische Symbolik leben dürfen. Trauermärsche mit Trommelwirbel in Flugzeughangars mussten leider schon zu oft life übertragen werden, Familienmitglieder konnten dabei das Unfassbare nicht fassen und die Bevölkerung nahm für einen Moment Anteil. Der Beginn einer jeden Soldatenlaufbahn aber, das feierliche Gelöbnis mit Militärmusik und in würdiger Zeremonie, das Versprechen, Leib und Leben einzusetzen, soll nicht öffentlich stattfinden. Dort wo die derzeit 612 Volksvertreter der 82 Millionen Deutschen die Entscheidungen über Leben und Tod, über Verteidigungsfall und Friedensmissionen oder Kampfeinsatz treffen, will man die Soldaten aus schlechten Gründen nicht sehen.
 (Bild: Öffentliches Gelönis des Offizieranwärterbataillon Idar-Oberstein im Alfons-Jakobs-Stadion in Morbach)
Beachtlich und bedenklich zugleich, wie die Schräglage in unserer Gesellschaft und Politik, wie mangelnde (Volks-)Solidarität, verweigerte Loyalität, gemeiner Gemeinsinn und immer wieder Bedenkentragen, Bedenkentragen alles bremst, uns aufhält und aus der Balance bringt und von dem wirklich Wichtigen abhält.
Wir suchen nach Erklärungen, warum ist das so verquer bei uns in Deutschland, warum so kompliziert? Vielleicht hat jemand Furcht davor, dass Barack Obama vom Brandenburger Tor aus den Deutschen zuruft, "Ja, ihr könnt …" und dass dann der lang ersehnte, oft herbei geredete Ruck durchs Land geht und die Bedenkenträger zum Aktivsein verpflichtet oder aus dem Amt und Mandat entlassen würden. Vielleicht hat jemand Furcht davor, das die Soldatinnen und Soldaten aus vollem Herzen vor dem Bundestag gut verständlich und gemeinsam (die Gemeinsamkeit und die Kameradschaft machen den Geist der Truppe aus) ihr Gelöbnis ablegen: "Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen". Dies könnte so manchen politischen Akteur in Berlin daran erinnern, das er seine Eidesformel und den Esprit de Corps schon längst vergessen hat.

 (Dirk Hamel, SLN)
Hintergrundinformationen/Bildquellen: http://www.barackobama.com/splash/ http://www.democrats.org/ObamaSplash.html http://www.bundeswehr.de/ http://www.deutschesheer.de/ http://www.bundestag.de/ http://soldatenglueck.de/ |