1906 - 1945 - 2006 Am 04. Februar wäre Dietrich Bonhoeffer 100 Jahre geworden."Bonhoeffers Schicksal - ein Erbe, das uns verpflichtet". Der Widerstandskämpfer, Theologe und Pazifist Dietrich Bonhoeffer wurde am 04. Februar 1906 in Breslau/Schlesien geboren und am 09. April 1945 wenige Wochen vor Kriegsende im Alter von 39 Jahren im KZ Flossenbürg (Bayern) hingerichtet. Der 100. Geburtstag Bonhoeffers wird an diesem Wochenende in Berlin und deutschlandweit, auch im polnischen Breslau und in London mit Gedenkveranstaltungen begangen.
(Foto: Sommer 1944 im Hof des Militärgefängnisses Berlin-Tegel)
Bundespräsident Horst Köhler hat aus Anlass des 100. Geburtstages des von den Nazis hingerichteten Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer dessen konsequente Haltung und "Treue zur Menschlichkeit" gewürdigt. In einem Zeitungsbeitrag betonte der Bundespräsident, Bonhoeffers Schicksal gehöre "zu dem Erbe, das uns verpflichtet". Er freue sich über die vielen anerkennenden Worte über Bonhoeffer zu dessen 100. Geburtstag. "Zugleich gibt es für uns Deutsche aber wenig Grund, uns in dem Glanz des aufrichtigen Widerstandskämpfers zu sonnen. Das Kapitel Deutscher Widerstand bleibt im Umfang eher schmal gegenüber der breiten Unterstützung, auf die Hitler bis zum Schluss zählen konnte und die es ihm ermöglichte, erbarmungslos gegen jegliche Opposition vorzugehen." Deutschland sei heute ein demokratisches Land. "Wir leben heute zum Glück in einer anderen Zeit", betonte Köhler. "Aber es bleibt unsere Pflicht, aufrichtig miteinander umzugehen, Entscheidungen verantwortungsbewusst zu fällen und einzugreifen, wenn menschlicher Würde Missachtung droht." Bonhoeffers Entwürfe zu Fragen der politischen Verantwortung des Christen, zum Problem der weltlichen, "nichtreligiösen Interpretation biblischer Begriffe", in der er eine Chance sah, dem entfremdeten Menschen das Evangelium neu zu erschließen und der Bedeutung der Christusbotschaft für eine "mündige Welt", das Konzept "Kirche für andere" sowie sein Ringen um eine glaubhafte Spiritualität in der Nachfolge Jesu sind von anhaltender ökumenischer Aktualität.
Zum 100. Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer sind in Deutschland viele Veranstaltungen, Kulturereignisse und Gedenkgottesdienste initiiert. In der Geburtsstadt Dietrich Bonhoeffers, in Breslau im heutigen polnischen Wroclaw findet anlässlich des 100. Geburtstages in der Universität Breslau der Internationale-Bonhoeffer-Kongress vom 03.-08. Februar 2006 statt. Der internationale, europäische und ökumenische Aspekt dieser Veranstaltung und vor allem die Tatsache, dass die Beschäftigung der Polen und der Deutschen mit dem Leben und dem Werk Bonhoeffers einen wichtigen Teil der deutsch-polnischen Verständigung bildet, stehen dabei im Mittelpunkt. In Breslau/Wroclaw wirkt seit einigen Jahren die polnische Sektion der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, dank deren Bemühungen am Geburtshaus Bonhoeffers eine Gedenktafel angebracht wurde. Die Gesellschaft, der sowohl Lutheraner als auch Katholiken angehören hat auch dazu beigetragen, dass vor der Breslauer Elisabethkirche seit einigen Jahren ein Denkmal steht, das Bonhoeffer gewidmet ist.
Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirchen in Deutschland bezeichnet Dietrich Bonhoeffer in seinem Inaugurationsvortrag zu "Leben und Wirken Dietrich Bonhoeffers" beim Breslauer Bonhoeffer-Kongress als "evangelische Heiligen des 20. Jahrhundert" im protestantischen Sinne von Heiligen als Vorbildern im Glauben, gemäß der Confessio Augustana von 1530. Ebenfalls anwesend beim Breslauer Kongress und bei einem gemeinsamen Gedenkgottesdienst am 05. Februar 2006 in der Berliner St. Matthäus-Kirche, an der am 15. November 1931 Dietrich Bonhoeffer ordiniert wurde, war Erzbischofs Rowan Williams, Primas der Anglikanischen Kirche in England. Liberale Netzwerker aus Berlin und Potsdam feierten diesen Gedenkgottesdienst mit. Historiker und Kirchentheoretiker bezeichnen Bonhoeffer als Identifikationsfigur, ökumenische Integrationsfigur und Idol. Die Befreiungskirchen und die Christen in unterdrückten und entrechteten Weltregionen orientieren sich noch heute an der Persönlichkeit und Courage des deutschen Theologen.
Zu Lebzeiten war der Theologe und Pfarrer Bonhoeffer in der evangelischen Kirche in seinem kritischen, theologischen Denken und in seinem politischen Widerstand eher ein vorbildlicher Einzelfall. Er war ein großer fortschrittlicher evangelischer Theologe und ein Christ, den es zu den Menschen zog - zu den Arbeiterkindern in Berlin-Prenzlauer Berg, zu den Schwarzen nach NY-Harlem. Er war zudem der einzige deutsche Theologe, der sich klar gegen Antisemitismus und Judenverfolgung aussprach. Auch die passive Rolle seiner Kirche trieb ihn in den aktiven Widerstand. Als ihn die Nazis am 09. April 1945 hinrichteten, war er 39 Jahre jung.
In seinem Heimatland gibt Bonhoeffer mit seiner Lehre und Schriften, seinen Liedern und durch seine Zivilcourage den Christen noch heute Orientierung und Zuversicht, in Deutschland und Polen sind Plätze, Straßen, Schulen, Kirchen, Gemeindehäuser, Begegnungs- und Kulturzentren nach Dietrich Bonhoeffer benannt. Seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler machte ihn auch in Großbritannien zu einem der zehn größten Märtyrer des 20. Jahrhunderts, am Portal der britischen Kathedrale Westminster Abbey in London ist seine Statue in Stein geschlagen.

Dietrich Bonhoeffer wuchs als eines von 8 Kindern auf, bis zum 6. Lebensjahr in Breslau/Schlesien, dann in Berlin-Grunewald , er war ein Zwilling, seine zehn Minuten jüngere Zwillingsschwester war Sabine Bonhoeffer (verheiratete Leibholz), sein Vater Karl war als Prof. Dr. med. für Psychiatrie und Neurologie an der Charité tätig und lehrte an der Friedrich-Wilhelm-Universität, seine Mutter war Paula von Hase, sie stammte aus einer Theologen-Familie. Die Familie Bonhoeffer gehört dem liberalen, weltoffenen, deutschen Bürgertum an. In der Nachbarschaft im großbürgerlichen Berlin-Grunewald leben die befreundeten, ebenfalls kinderreichen Familien des Physikers Max Planck, des liberalen Theologen Adolf von Harnack, des ungarischen Pianisten und Komponisten Ernst von Dohnanyi und des Historikers und ehemals "freikonservativen" Reichstagsabgeordneten Hans Delbrück. Zeitgenossen beschreiben den jungen Schüler und Studenten Dietrich Bonhoeffer als hochgebildet, couragiert, bisweilen stürmisch, auch als humorvoll, kritikvoll und kritikaushaltend, musikalisch am Klavier und im Gesang und dabei sportlich.
Seine Stationen in der theologischen Ausbildung führten den jungen Dietrich an die Universität Tübingen, ins spanische Barcelona, vor der Ordination ein Jahr in die USA nach New York an das berühmte Union Theological Seminary. In der St. Matthäus-Kirche in Berlin wird Dietrich Bonhoeffer am 15.11.1931 nach seinem USA-Studienaufenthalt für den Pfarrdienst ordiniert. Mit 21 Jahren promoviert Bonhoeffer, mit 24 legt er sein Zweites Examen ab und habilitiert. Von 1935 an war Bonhoeffer Leiter des Predigerseminars der "Bekennenden Kirche in Finkenwalde". Bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten spielen Bergpredigt und Pazifismus sowie Martin Luther´s "Zwei-Reiche-Lehre" von Trennung von Gott und Welt eine zentrale Rolle. Seine Theologie basierte auf der Bergpredigt, durch deren Erkenntnis er "vom Theologen zum Christen" wurde. Die herausragenden Bücher "Widerstand und Ergebung", "Nachfolge" und "Ethik" und seine Gedanken und Texte sind noch heute aktuell.
Das herannahende Unglück für Deutschland erkennt Bonhoeffer schon früh, er warnt 1932 vor dem "Führer" als "Verführer" in einer Rundfunkrede und stellt heraus, dass "Jesus selbst ein Jude war". Von 1933-1935 arbeitet er in London in zwei deutschen Auslandsgemeinden. Nach seiner Rückkehr arbeitet der Theologe am Predigerseminar in Finkenwalde an der Ostsee, 1937 schließt das NS-Regime dieses Predigerseminar.
Seinen Wunsch nach Indien zu reisen, um sein Vorbild für Gewaltlosigkeit gegen die britische Kolonialmacht und für Pazifismus, Mahatma Gandhi zu studieren, lassen sich nicht umsetzen, der Kriegsbeginn im Jahr 1939 naht. Nachdem Dietrich Bonhoeffer in den USA zeitweise Vorlesungen hielt, er sollte evangelischer Professor in den USA werden, kehrt er 1939 wieder zurück in seine deutsche Heimat. "Es war", schreibt er ´39 an einen Freund, "ein Fehler von mir, nach Amerika zu gehen. Ich muss diese schwierige Periode unserer nationalen Geschichte mit den Christen in Deutschland durchleben." Die wahrscheinliche Chance, den Krieg fernab des Deutschen Reiches im US-amerikanischen Exil zu überleben, war damit vertan. Für den Weg vom gewaltlosen Widerstand zur aktiven Verschwörung entschied Bonhoeffer sich, weil ihm die Schuldteilhabe durch das Nichtübernehmen von Verantwortung unerträglich geworden war. "Die Not bricht das Gebot" schrieb er in seiner "Ethik".
Der junge Theologe gehörte als Freund unter Gleichgesinnten und gewachsen durch verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem Kreis des Widerstandes, der das Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 vorbereitet hatte. Admiral Canaris, der Chef der deutschen Abwehr gab Bonhoeffer Scheinaufträge für die deutsche Auslandsspionage, um ihm Auslandsreisen zu ermöglichen und ihn vor der Überwachung der Nazis zu schützen. Nicht erst seit Beginn des Krieges im September 1939 steht Dietrich Bonhoeffer mit initiierenden Persönlichkeiten des deutschen Widerstandes in Verbindung. Sein Schwager Hans von Dohnanyi ebnet ihm den Zugang zur deutschen Abwehr, die von Admiral Wilhelm Canaris und Oberst Hans Oster geführt wird. Als "Abwehr-Agent" ist er von der Wehrmacht freigestellt und er erhält die Möglichkeit zu reisen, relativ unbehelligt vom NS-Apparat, der ihm 1940 ein sogenanntes Reichsredeverbot (gleichzusetzen mit einem Predigtverbot) und ein Aufenthaltsverbot für Berlin erteilt, wegen "volkszersetzender Tätigkeit" , 1941 ergeht auch ein Schreibverbot gegen ihn. Reisen nach Schweden, Norwegen und in die Schweiz führen Bonhoeffer in diesen 2 Jahren zu dortigen ökumenischen Vertrauten und Intellektuellen aus Kirche, Kultur und Wissenschaft, um die deutsche Widerstandsbewegung zu stärken.
Im Frühjahr 1943 am 05. April wird Dietrich Bonhoeffer im Alterssitz seiner Eltern in Berlin, Marienburger Allee 43 (heute BONHOEFFER-HAUS, Erinnerungs- und Begegnungsstätte) festgenommen und in Berlin-Tegel im Militärgefängnis inhaftiert. Noch im Januar 1943 verlobt er sich mit der weit über ein Jahrzehnt jüngeren Maria von Wedemeyer, mit der er zusammenlebt und die er seit seinen Tagen 1940 auf dem pommerschen Landgut Klein-Krössin kennt und liebt. Bonhoeffer hat jüdischen Mitbürgern zur Flucht in die Schweiz verholfen, diese und andere "konspirativen Tätigkeiten" kann man ihm nicht nachweisen, Wehrkraftzersetzung bleibt als Haftgrund.
Während der Berliner Haft kann er noch theologisch arbeiten, er entwickelt seine Gedanken über sein Christentum, seine Briefe werden später unter dem Titel "Widerstand und Ergebung" bekannt.
Nach dem missgelungen Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 wird Bonhoeffer in das Berliner Gestapo-/SD-Gefängnis verlegt, die Gestapo fand Beweis-Unterlagen, die Bonhoeffers Beteiligung an der Verschwörung gegen Hitler belegten.
Im Februar 1945 werden sein Bruder Klaus und seine beiden Schwager Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt, Bonhoeffer wird am 07. Februar 1945 erst in das Konzentrationslager Buchen-wald, dann am 08. April 1945 in das KZ Flossenbürg verlegt, nachdem Adolf Hitler persönlich am 05. April ´45 die Tötung ausdrücklich befehlte. Einziger Zweck der Verlegung vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin nach Flossenbürg war die bereits langfristig geplante Ermordung. In Flossenbürg wird er in den letzten Kriegstagen von einem Standgericht (vom SS-Richter Thorbeck und unter "Anklage" des SS-Standartenführers Huppenkothen) im Scheinverfahren gemeinsam mit Wilhelm Canaris, Hans Oster und wahrscheinlich vier weiteren militärischen Widerstandskämpfern, den Reserveoffiziere Gehre und Strünck und der Generalstabsrichter Sack sowie der Offizier Friedrich von Rabenau "zum Tode wegen Hochverrat verurteilt" und bei Tagesanbruch des 09. April 1945 durch den Strang ermordet/hingerichtet. Zwei Wochen bevor US-amerikanische Truppen das KZ befreien und einen Monat vor der Kapitulation und dem Ende des Deutschen Nazi-Reiches. Dietrich Bonhoeffer kann im Morgengrauen des 09. April 1945 noch kurz zu seinem Gott beten, dann muss er seine Kleider ablegen und die Stufen zum Galgen hinauf steigen. Der KZ-Lagerarzt wird später notieren: "Ich habe kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen".
von Dirk Hamel, SLN
"Von guten Mächten"
Anfang 1944 von Dietrich Bonhoeffer in der Berliner Haft geschrieben
"Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last, ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen das Heil, für das Du uns bereitet hast.
Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus Deiner guten und geliebten Hand.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag."
Hintergrundinformationen: http://www.bonhoefferjahr.de/ http://www.dbonhoeffer.org/ http://www.bonhoeffer-berlin.de/ http://www.gdw-berlin.de/index.php http://www.weisse-rose-stiftung.de/ http://www.gedenkstaette-flossenbuerg.de/ |