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Intellektuelle Götterdämmerung – kann man dieses Land vom Kopf auf die Füße stellen?

Dr. Frank Schirrmacher, Sachbuch-Bestsellerautor und Chef des Feuilleton der FAZ, streckt am 15. August 2011 die Waffen vor den Nebelwerfern dieser Welt. Unter der Überschrift „Bürgerliche Werte“ bricht er den Stab über die Regierung, den Konservatismus und dann noch den Kapitalismus insgesamt. Ist das die Midlife-Crisis eines Alpha-Tiers im hübsch dekorierten Kokon von Potsdam? Ist es politische Chuzpe oder intellektuelle Hybris? Was sagt es über dieses Land, wenn Ikonen des Bürgerlichen verzweifeln?

Bekanntermaßen ist der „Untergang des Abendlandes“ so oft angekündigt worden, wie er ausgeblieben ist. Die wahren Katastrophen fanden dann anderswo statt. Immer aber wurde der Zug der Lemminge mit systematischer Vereinfachung, mißverständlichen Begriffen und einer ordentlichen Portion Emotionalität in Gang gesetzt.

An zwei Schlagworten wird dies bei Schirrmacher besonders deutlich: Kapitalismus und Bürgerlichkeit.

Die Berliner (und als ihre Steigerung die Brüsseler) Politik liefert nicht erst seit 2009 laufend Beispiele primär sich selbst dienender Verwaltungen (C. Northcote Parkinson läßt grüßen). Es gibt eine lang zurückreichende Linie von den Rentenreformen der 50er Jahre und des N. Blüm, über die Enteignungen und Spendenannahme eines H. Kohl bis zu den ex-Kommunisten vom Schlage eines J. Trittin oder einer U. Schmidt. Öffentlich-rechtliche Medien leisten keine kritische Begleitung, sondern schaffen die Foren für die Selbstdarstellung der politischen Klasse. Abgeordnete werden aus Kreisen der Verwaltung, Kirchen, Gewerkschaften und anderen Lobbyistengruppen rekrutiert und mit hohen Einkommen und Pensionsansprüchen alimentiert. Der Staatsanteil an der Volkswirtschaft wächst noch schneller als das Steueraufkommen. Der real existierende Kapitalismus führt Millionen Menschen in die eigentumslose Abhängigkeit der Fürsorge, er scheitert in der Bildungspolitik genauso wie in Afghanistan und finanziert sich zu Lasten kommender Generationen. Kapitalismus ist ein Schlagwort und keine Erklärung, weil es schlicht den Zustand nicht beschreibt.

Die Politik (und das Feuilleton) haben das Bürgertum gekidnappt „wie einst der Kommunismus den Proletarier“. Das war nicht schwer, denn Bürgerlichkeit und Moral sind nicht meßbar, also kein Maß für politisches Handeln. Wir haben eine wiederverheiratete Pfarrerstochter als CDU-Parteivorsitzende, einen Finanzminister, der Bargeld von Lobbyisten angenommen hat, und eine Präsidentengattin mit Tätowierung. Kindsmißbrauch wird im katholischen Klerus genauso vertuscht wie in der evangelischen Pädagogenelite. Moral und Bürgerlichkeit sind beliebig zu verstehen, und eine Diskussion darüber muß ergebnislos bleiben. Schirrmacher jongliert mit Worthülsen und verläuft sich im eigenen Nebel.

Die aktuelle, im Selbstverständnis „bürgerliche“ Regierung hat zweifelsfrei und ohne Aussicht auf Änderung bewiesen, daß sie die Erwartungen der Wähler nicht erfüllen will und den Aufgaben nicht gewachsen ist. Statt dem Lamento über die „Politik“ könnte ein Schirrmacher, ganz bürgerlich gedacht, sich an die Spitze einer Bewegung setzen, die sich wie P. Kirchhoff an die Arbeit macht, das Dickicht lichtet und umsetzbare Lösungen in die Diskussion einbringt. Gleichgesinnte, die sich nicht von vordergründigen Gemeinplätzen vereinnahmen lassen, wird er in allen gesellschaftlichen Gruppen finden. Die Lösung für die Aufgaben der Zukunft und die Lasten der Vergangenheit liegt bei den Gliedern der Gesellschaft, die sich von Tatsachen und Lebenserfahrung anstatt von Schlagzeilen leiten lassen, und in bewußter Verantwortung für sich und ihre Umgebung handeln. Bürger eben, im besten Sinne des Wortes.

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