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Abschied vom Vollkasko-Versicherten

Präsident der Bundesärztekammer spricht vor dem "Liberalen Netzwerk Lippe" in Lemgo

Von Seda Hagemann, Lippische Landes-Zeitung

Ist die beste Medizin für alle bezahlbar? Die Antwort vom Präsidenten der Bundesärztekammer kam prompt: "Nein!" Die Gründe erläuterte er beim Vortrag vor zahlreichen Zuhörern im Zumtobel Lichtforum.

Lemgo. "Kaum mehr als sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes hat die Politik in den vergangenen Jahren für das Gesundheitswesen ausgegeben. Das wird bei der demografischen Entwicklung auf lange Sicht nicht reichen",  stellte Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, fest.

Das "Liberale Netzwerk Lippe", ein Zusammenschluss von Bürgern, die sich für eine Stärkung liberaler Positionen in Politik und Gesellschaft einsetzen, hatte ihn nach Lemgo eingeladen. In seinem Vortrag bescheinigte er der alten Regierung ein unzureichendes Verständnis für die Belange von Ärzten in Deutschland. "Wir hoffen, dass sich mit Schwarz-Gelb etwas ändert. Zumindest ist öfter von einer sogenannten neuen Kultur des Vertrauens gegenüber Ärzten zu lesen."

Statt immer mehr zu rationieren, sollte in der Versorgung eine Priorisierung erfolgen, meint der 69-Jährige. Darunter versteht Prof. Hoppe, "dass es eine Abstufung von medizinischen Leistungen geben sollte." Bestimmte Patientengruppen, wie beispielsweise Herzkranke, oder notwendige medizinische Behandlungen hätten demnach Vorrang vor anderen Therapien.

"Die Mittel sind knapp. Sie würden so entsprechend der Dringlichkeit eingesetzt werden. Wichtig ist, dass dieses Verfahren für die Patienten transparent bleibt. Außerdem muss der Arzt auch einen Spielraum behalten und Therapien auch dann verschreiben dürfen, wenn sie eigentlich nur für die als dringlich eingestuften Fälle vorgesehen sind."

Zwei Beispiele führte er für eine gefährliche Rationierung im Gesundheitswesen an: "In einigen Krankenhäusern werden die Hygienemaßnahmen zurückgefahren, woanders kümmert sich eine Nachtschwester um mittlerweile 70 Patienten. Das passiert meist schleichend und heimlich. Solche Prozesse werden nur wenigen Bürgern auf den ersten Blick auffallen, aber sie stellen eine Gefahr für die Versorgung dar." Eine Lösung könnte dabei ein Ärztebeirat sein, der die Gesundheitspolitik unabhängig berät, so Hoppe.

Seinen Appell richtete er am Ende an die Bürger: "Von der Mentalität des 'Vollkaskoversicherten' müssen wir uns verabschieden. Dafür ist kein Geld im System." Vor der Wahl habe sich keine Partei mit den Finanzproblemen beschäftigen wollen, vielleicht könne nun die Gesellschaft solch eine Diskussion lostreten.

(Textquelle: Lippische Landes-Zeitung, lz-online.de;
Bildquelle: Bundesärtzekammer.de)

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