Kommentar/Glosse
von Matthias Steinhauer, Fördermitglied der Stiftung Liberales Netzwerk
Die Euphorie hat sich gelegt und nüchterne Analyse verschafft sich wieder Raum. Waren die Finanzierungszusagen der Regierungen landauf landab gestern noch gefeierte Anzeichen einer nunmehr sicheren Trendwende, macht sich heute bereits wieder die Sorge breit, wir könnten doch noch inmitten der allergrößten Schwierigkeiten seit Kriegsende stecken. Was ist geschehen?
Zunächst schien es, der gordische Knoten wäre mittels der unter den G7 abgestimmten Maßnahmen zerschlagen und den Banken der Weg zu gegenseitigem Vertrauen wieder geebnet. Schließlich zeigte sich die amerikanische Notenbank bereit, faule Kredit im Volumen von bis zu 700 Mrd. US-$ aufzukaufen. Gleichzeitig formulierte die europäische Politelite, man ließe keine Bank von strategischer Bedeutung Pleite gehen. Nur gut, dass diese beabsichtigte (Dis)Qualifizierung innerhalb der Bankenlandschaft bis zum Börsenbeginn nach dem entscheidenden Wochenende noch revidiert wurde. Stattdessen wurden innerhalb Europas landesspezifische Regelungen definiert, wie potentiellen Zahlungsausfällen von der Banken im allgemeinen begegnet werden kann. Währenddessen wurde auch in Amerika noch einmal nachgelegt – den Unternehmen des Landes wurden unbesicherte Kredite der Notenbank wiederum in zweistelliger Milliardenhöhe zugesagt. Schon Tage zuvor hatte unsere Kanzlerin dem Volk versichert, der deutsche Staat hafte für alle Einlagen seiner Bürger bei den Banken.
Nun scheinen die Marktteilnehmer nachdenklich geworden zu sein und etliche Fragen zu stellen. Fragen wie diese: Kann es richtig sein, wenn der Staat die letzte Kredit gewährende Instanz ist? Kann es richtig sein, dass die amerikanische Notenbank innerhalb von fünf Wochen ihre Bilanzsumme um die Hälfte ausweitet, indem sie Auslandskredite aufnimmt, mittels derer sie heimische Schrottanleihen aufkauft? Ist es möglich, dass der Dollar nur deshalb steigt, weil Japaner, Inder und Chinesen bereit sind, in das Risiko einer Staatsbürgschaft der USA zu investieren und die benötigte Liquidität bereitstellen? Wäre es genauso gut möglich, dass dieser Anstieg des Dollarkurses die nächste Blase ist, die, heute noch aufgeblasen, morgen mit Getöse zerbirst? Was geschähe mit dem Weltwirtschaftsgebäude, wenn die einstige Leitwährung der einstig führenden Wirtschaftsmacht unkontrollierbar zu straucheln beginnt? Wie werthaltig sind dann Staatsgarantien, wo refinanziert sich dann "der Staat"? Welchen Wert hat Staatshaftung im aktuellen Umfeld? Die Kosten für die Rettung aus der Finanzkrise belasten die Staatshaushalte aufs Äußerste und weiten den Schuldenstand in den Industrienationen erheblich aus. Wer löst wann und wie zuverlässig diesen Wechsel auf die Zukunft ein? Folgt nicht der gescheiterten Fantasie eines Perpetuum Mobile des Finanzmarktes über kaskadenartige Replikationen von Kreditrisiken nun die nächste physikalische Versuchsanordnung, bei der eine Rettung über die Neuverschuldung eben der Staaten gelingen soll, deren Systeme die Krise verursacht haben? Liegt hier nicht der Vergleich mit Münchhausen nahe, der sich angeblich ebenfalls selbst (nebst Pferd) am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog? Bürger verschulden sich bei Banken, Banken verschulden sich bei anderen Banken, diese werden gerettet durch "den Staat", für die Schulden des Staates steht der Bürger ein – der Kreis ist geschlossen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass - zur Entlastung von Wirtschaft und Verbraucher – eines Tages die Notenpresse angeworfen und die Schuldenlast billigend per Inflation entsorgt wird? Gleicht der Versuch, ein durch überbordendes Geldmengenwachstum und niedrige Zinsen hervorgerufenes Krisenszenario wiederum mittels großzügigst bereitgestellter Liquidität und wiederum historisch niedriger Zinsen einzudämmen, nicht dem offensichtlichen Irrsinn, Feuer mit Öl löschen zu wollen? Wird den Staatsschuldnern nicht irgendwann ein nahöstlicher Schuldenberater attestieren: "Sorry, ihr könnt das zu Lebzeiten nicht mehr bezahlen – jedenfalls nicht mit richtigem Geld!"? Wird nicht irgendwo ein Kind um die Häuserecke schauen und rufen "Aber seht Ihr denn nicht, der Kaiser hat ja gar nichts an!"?
Viele Fragen, auf die es rund um den Globus denkbar wenig befriedigende oder auch nur beruhigende Antworten gibt. Beruhigend ist lediglich, dass die betroffenen Länder sich miteinander verständigen und zu einem weltumspannenden, untereinander abgestimmten, großen und dank seiner unvorstellbaren Volumina hochwirksamen Lösungsansatz gefunden haben. – Wirklich beruhigend? Wurde nicht zugleich mit dieser Kraftanstrengung das letzte Pulver verschossen?
Im Augenblick geben die Märkte die Antwort auf unsere Fragen. Sie trauen dem Frieden nicht. Und die Banken? Auch sie bleiben in Deckung. Während in den USA Citigroup und Merrill Lynch weitere Milliardenverluste melden, traut sich in Deutschland kein Bankhaus das erste zu sein, welches sich der angebotenen Garantien versichert oder gar eine Beteiligung des Bundes in Kauf nimmt. Natürlich nicht. Denn damit wäre wohl das Vertrauen in die betreffende Bank völlig verspielt, zeigen sich doch augenblicklich alle in weißer Weste und trauen lediglich dem jeweils Nächsten nicht über den Weg. Es kann noch eine Weile so bleiben, dass Banker ihre Liquidität stapelweise anhäufen, wo immer sie sie zu greifen bekommen und ihr Geld lieber zu schlechten Zinsen an die Bundesbank verleihen als zu guten Zinsen an ihre Kollegen. Schon Baron John Maynard Keynes identifizierte während der frühen 30er Jahre des letzten Jahrhunderts dieses Phänomen als Liquiditätsfalle: Trotz sinkender Zinsen gelangt nicht mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf, wo es dringend benötigt wird. Dieser Geldgeiz in der Realwirtschaft angekommen und die Daimlers, Telekoms, Boschs und Schücos dieser Welt am Wachstum hindernd verhieße nichts Gutes und ist darum dringend zu verhindern.
Da wäre noch unser deutsches Einlagensicherungssystem, noch so ein nackter Kaiser: Das Instrument ist darauf ausgelegt, für den Fall einer zahlungsunfähigen Bank – vielleicht auch zweier oder dreier – den Sparern und Anlegern ihre Einlagen und Altersvorsorgen zurück zu gewähren. Angesichts des augenscheinlichen Umfangs der Krise wäre die Einlagensicherung jedoch alles andere als hinreichend finanziert und würde wohl bei einem Totalkollaps des Finanzsystems als erster Kollateralschaden auf der Strecke bleiben. Aber in diesem Punkt hat ja die Kanzlerin die Gewährhaftung des Bundes versprochen, ohne allerdings dieses Versprechen in ein Gesetz zu gießen. Nach diesen Zusagen für Banken und - als beruhigendes Äquivalent - für Steuerzahler, Verbraucher, Anleger und Wähler treten nun auch andere Wirtschaftsbeteiligte auf den Plan: Die Autohersteller fordern Subventionen für Neuwagenkäufer, der Einzelhandel niedrigere Sozialabgabenquoten zur Steigerung der Konsumneigung, die Bauern weitere Nachlässe auf Agrardiesel und das Handwerk die staatliche Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen. Ein verheerender Selbstbedienungskreislauf, den zu unterbrechen dringend und wichtig ist.
Gottlob, es gibt auch gute Nachrichten, vornehmlich aus der heimischen Wirtschaft: Hierzulande gab es keinen Immobilien- und Verschuldungsboom und keine Übertreibungen im Konsumzyklus. Hierzulande haben die Unternehmen die guten letzten Jahre – nicht zuletzt auch Dank gewerkschaftlicher Zurückhaltung - genutzt, um wieder Speck auf die Rippen zu bekommen. Hierzulande liegt die Eigenkapitalquote im Mittelstand bei 25%. Hierzulande beginnen die Banken wieder die zwar renditearme aber zugleich wohltuende Zuverlässigkeit der mittelständischen Wirtschaft zu schätzen. Deutschland und Kerneuropa haben Möglichkeiten, gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen.
Es bleibt zu wünschen, dass dieser Schock heilsam und gleichzeitig zu bewältigen sein wird. Die Welt wird wohl auch dieses Mal nicht untergehen. Es ist nicht auszuschließen, dass wir noch ein Stück weiter in die Krise hinabtauchen. Aber wir werden aus diesen Tagen, in denen wir Protagonisten der Geschichte sind, lernen können und von diesen Lektionen künftig profitieren. Dazu sollten wir sie gut im Gedächtnis bewahren.
Bielefeld, 16. Oktober 2008
Matthias Steinhauer ist Gesellschafter der unabhängigen Beratungsgesellschaft CONCEPT Vermögensmanagement in Bielefeld.
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