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Walter Kempowski, unermüdlicher Archivar, Chronist, Schriftsteller und Liberaler Netzwerker ist gestorben

05.10.2007 - "Man muss das tun, was einem aufgegeben ist", so beschrieb Walter Kempowski, Mitglied im Liberalen Netzwerk, seine scheinbar unendliche und fleißige Chronisten- und Schriftsteller-Tätigkeit. Der "Archivar der deutschen Seele" hat das Leben und das Sterben der anderen bewahrt. Kempowski hat mit "Echolot", einem "kollektiven Tagebuch", etwas weltweit Einmaliges geschaffen. Er beschrieb sich selbst als "Anwalt der Toten", am 05. Oktober 2007 ist er selbst gestorben.

Ein Schriftsteller zum Anfassen, jeder, der sich bei ihm anmeldete, konnte zum Kaffe oder Tee bei ihm vorbei kommen und zu Gast sein in seinem Haus in Nartum zwischen Hamburg und Bremen zum Sprechen, Lesen, Zuhören, Erzählen und auch gemeinsamen Lachen, die einzige "Auflage" war, Kuchen mitbringen. In Urlaub fuhr Walter Kempowski selten oder nie, daheim bei seiner Frau Hildegard Kempowski, geborene Janssen, in seinem Haus im Grünen, welches er wie ein Museum konzipiert hat und das er der Universität Oldenburg übereignen wird, bei seinem Flügel, inmitten seiner Arbeit, zwischen seinen vielen erledigten und unerledigten Vorhaben und Manuskripten bei all seinem Vollendungsstreben fühlte er sich am wohlsten.

Walter Kempowski war "gerne Deutscher mit allen Konsequenzen", die Aufarbeitung der Geschichte in Sorgfalt und in der Summe der Einzelschicksale war sein Ziel, Krieg machte er als Menschenleiden begreifbar. Mit "Echolot" hat Kempowski etwas weltweit Einmaliges geschaffen. Als junger Mann paddelte er auf der Warnow, was ihm klare Deutung von backbord und steuerbord vermittelte, als Erwachsener ganz asketisch rauchte er nicht, trank keinen Alkohol und aß kein Fleisch, er war ohne Pathos und deswegen eindringlich. Er bezeichnete sich als liberal und zugleich konservativ. Humor, Selbstironie und grotesker Realismus waren seine Markenzeichen. Menschen, Geschichten und Geschichte faszinierten und berührten ihn, sein liberaler Geist, seine stete Freiheitsverteidigung, Naturnähe und Menschenliebe waren sein Credo. Er trat als Autor zurück hinter die Stimmen der Menschen seiner Sammlungen, er vermochte es, einen Bogen von Persönlichem zur Geschichtsschreibung zu spannen, rückwärts gewandte Sehnsucht vermochte er einzufangen, wie kein anderer.

Der Schriftsteller Walter Kempowski ist tot. Er erlag in der Nacht zum 05. Oktober 2007 im Alter von 78 Jahren in einem Krankenhaus im niedersächsischen Rotenburg/Wümme einem Krebsleiden. In der Todesstunde gegen 03:00 Uhr war seine Familie bei ihm.

Walter Kempowski gehörte zu den meistgelesenen deutschen Gegenwartsautoren. Die Tragödie des Zweiten Weltkriegs, Flucht, Vertreibung und Nachkriegszeit waren die Themen seiner autobiografischen Romane wie "Tadellöser & Wolf", "Uns geht´s ja noch gold" und "Ein Kapitel für sich". Für "Echolot", das die Kriegszeit anhand von Dokumenten beleuchtet, erhielt er internationale Anerkennung. Bis zuletzt hatte er weiter an seinem "Tagebuch 1991", dem Jahr des Golfkrieges geschrieben.

Chronist deutscher Geschichte

Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 in Rostock als Sohn des Reeders Karl Georg Kempowski und der Hamburger Kaufmannstochter Margarete Kempowski, geborenen Collasius, geboren. Als Fünfzehnjähriger wurde er als Luftwaffenkurier zur Wehrmacht eingezogen. Der Vater der beiden Söhne Walter und Robert Kempowski fiel in den letzten Kriegstagen Ende April 1945. Nach der Schule begann Walter Kempowski eine kaufmännische Lehre, ging nach Hamburg und nach Wiesbaden. Der junge Walter Kemposwski engagierte sich für die liberale Partei LDP (Liberal-Demokratische Partei Deutschlands). Als er 1948 zu einem Familienbesuch in die Heimatstadt Rostock zurück kehrte, wurde er am 08. März als 18-jähriger verhaftet und wegen angeblicher Wirtschaftsspionage von einem Sowjet-Militärtribunal verurteilt zu 25 Jahren Zuchthaus und saß bis zur "Amnestierung" acht Jahre lang im DDR-Zuchthaus in Bautzen ein, 1954 wurde er dort "musikalischer Leiter des Gefangenenchores". Als politischen Häftling hat ihn die Bundesrepublik Deutschland nicht anerkannt, was ihn lange zutiefst erschütterte und kränkte.

Nach seiner Freilassung 1956 holte er das Abitur nach, studierte in Göttingen Pädagogik und arbeitete in Niedersachsen als Lehrer an Schulen und Dozent an Hochschulen.

Sein literarisches Debüt gab er 1969 mit "Im Block" über seine Haftzeit in Bautzen. Auch in seinen folgenden Romanen setzte er sich mit der Familiengeschichte rund um den Krieg auseinander. Der Autor gilt als präziser Chronist deutscher Geschichte. Seine eigene Biografie war Auslöser und Inspirationsquelle für viele seiner Bücher.
In seinen Werken beschäftigte sich Kempowski immer wieder mit dem Thema totalitäre Gewalt und Ideologie.

Ein Sammler von Autobiografien

Walter Kempowski hat 1980 ein viel beachtetes "Archiv für unpublizierte Autobiografien" gegründet. Er sammelte Tagebücher, Logbücher, Briefe oder Fotos aus verschiedenen Schichten und Zeiten, die ihm zugeschickt wurden.

Die Materialien verwendete er später in seinem "Echolot". An dem Mammutwerk arbeitete er 26 Jahre lang. "Echolot" beleuchtet die Zeit des Zweiten Weltkriegs anhand von Dokumenten, Erinnerungen, Tagebüchern und Briefen. 2005 übergab Kempowski das Archiv der Berliner Akademie der Künste.

Seine wichtigsten Werke: Chronist aus Leidenschaft

Der Schriftsteller Walter Kempowski hat sich vor allem als präziser Chronist persönlicher Lebensgeschichten und historischer Ereignisse einen Namen gemacht.
Werkauswahl:
"Im Block", 1969, Kempowski begründet seinen Ruf mit einem Roman, in seinem acht Jahre dauernde Haftzeit im berüchtigten Zuchthaus Bautzen autobiografisch beschreibt.
"Tadellöser und Wolff", 1971. Mit dem zuerst veröffentlichten Teil seiner neunbändigen "Deutschen Chronik" gelingt Kempowski der Durchbruch. Inhalt ist seine Rostocker Jugend zur NS-Zeit.

Seine wichtigsten Werke: Über das Schreiben und den Krieg

"Hundstage", 1988. Der Roman behandelt den Prozess und die Schwierigkeiten des Schreibens.
"Das Echolot", 1993 bis 2005. Für das Mammutprojekt eines "kollektiven Tagebuchs" sammelte Kempowski jahrelang die Aufzeichnungen, Briefe und Lebensgeschichten prominenter wie namenloser Menschen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.
"Alles umsonst", 2006. In seinem letzten großen Buch befasst sich Kempowski mit der Flucht der Deutschen im Kriegswinter 1945 aus Ostpreußen.

Kempowski hat lange Zeit auf eine breite Anerkennung warten müssen.

Das änderte sich grundlegend mit der Veröffentlichung der Echolot-Kriegschronologie in den 1990er Jahren. Zahlreiche Ehrungen folgten. So erhielt Walter Kempowski unter anderem 2006 den Hans-Erich-Nossack-Preis für sein Lebenswerk. Zu den weiteren Auszeichnungen zählen der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (1994), das Bundesverdienstkreuz (1996) und der Verdienstorden des Landes Niedersachsen (2004). 2005 erhielt er den Thomas-Mann-Preis.

Reaktionen zum Tod von Walter Kempowski am 05. Oktober 2007

"Mit großer Trauer verneigen wir uns vor einem wahrhaft großen Deutschen. Er hat die Stimmen der vielen Einzelnen erhalten und für alle Zeiten bewahrt."
Bundespräsident Horst Köhler

"Mit seinen Romanen und Aufzeichnungen aus der Zeit des Dritten Reiches und der deutschen Teilung ist er einer der präzisesten und einfühlsamsten Chronisten deutscher Geschichte und deutscher Befindlichkeit."
Kulturstaatsminister Bernd Neumann

"Walter Kempowski war sicherlich einer der markantesten Chronisten und Schriftsteller deutscher Sprache, ein herausragender Literat und Autor."
Regierungssprecher Thomas Steg

"Der Tod von Walter Kempowski bestürzt mich tief. Was ihn in seinen reichen Texten beschäftigte, hat auch mich immer beschäftigt."
Filmemacher Alexander Kluge

"Er war ein großer Chronist des Nachkriegsdeutschland. Er hatte eine klare Meinung. Ich habe ihn sehr geschätzt."
Klaus Staeck, Akademie der Künste

Das Liberale Netzwerk trauert um sein Mitglied Walter Kempowski, unsere Gedanken sind bei ihm und unser Mitgefühl ist bei seiner Familie, bei seiner Ehefrau Hildegard Kempowski und seinen erwachsenen Kindern Renate und Karl-Friedrich Kempowski.

(Dirk Hamel, SLN)

Hintergrundinformationen:
http://www.kempowski.de/
http://www.walter-kempowski.de/
http://www.kempowski.info/

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